Die Sage vom Königskogel

Unweit Langenwang Führt eine Strafte in den schönen, stillen Pretulgraben, der sich als lichtgrüner Streifen zwischen hohen, dunklen Waldbergen hinzieht. An seinem Ende lagert die Pretulalpe. Auf den Höhen und im Talgrunde liegen da und dort verstreut einsame Gehöfte. Am Eingang in diese stille Welt erhebt sich ebenfalls ein stattlicher Berg, Hoch und steil, mit spitzem Gipfel, schier unzugänglich und mit dichtem Nadelwald bewachsen: der Königskogel. Warum er solch stolzen Namen trägt, meldet keine Kunde. An der Schattenseite des Tales steht er dunkel und ernst, als berge er ein Geheimnis. An seiner Rückseite zieht das Wassertal hin und dort breitet sich eine menschenleere Waldwildnis aus. Ein wilder Bach springt übers graue Gestein und erfüllt die Enge des Tales mit lautem Brausen. Wo die Sonne ins klare Bergwasser scheint, glitzert’s im Sand wie Gold. Beerensammler erzählen, das man hier an stillen Sommertagen den Berggeist hören kann, wie er Hinjauchzt über die Höhen. Gesehen hat ihn niemand mehr, seit der Berg verwunschen ist. Aber dieser soll innen ganz voll Gold sein.
In alten Zeiten war dieses stille Tal von Menschen bewohnt. Drei Bauernhofe standen da: der Steinbauer, der Grabenbauer und zu hinterst im Graben der Dollinger. An den Abhangen lagen schöne Almwiesen hingebreitet, darauf weidete das Vieh der Bauern. Droben auf dem Gipfel des Berges aber wurde Gold gegraben. Wem die Gruben gehörten, weiß heute niemand mehr. Eine Schar von Knappen war beschäftigt, nach dem Schatze zu graben, den der Berggeist freigiebig spendete. Da wurden sie übermütig. An ihren schwarzen Bergmannsrocken trugen sie Knöpfe von Gold, sie hatten allezeit Geld in den Taschen, sie spielten, lärmten und prahlten und wurden immer Übermütiger. Sie spotteten der armen Bergbauern, wenn diese mühselig ihr Korn auf steiler Lehne bauten, sie reizten und quälten sie auf
jegliche Weise. Einmal bekam die Kuh des Steinbauern ein schönes Kälbchen. Als die Bäuerin am anderen Tage in den Stall ging, fand sie das Kälbchen tot auf der Streu und die Kuh schrie laut. Als Frau sich hinsetzte, um die Kuh zu melken, floss Blut in den Eimer anstatt Milch. Entsetzt starrte die Frau in den Melchselchter. Da erscholl vom Hofe her lautes Hohnlachen und an der Stalltüre blitzte es vorbei als wie von goldenen Knöpfen. Da wusste die Frau, wer den Frevel verübt hatte. Voll Zorn ergriff sie ein Milchfseidel, füllte es bis zum Rand mit Mohn und eilte damit auf den Berg. Dort goss sie den Mohn hin über die Goldgruben und rief: „So viel Körner im Seidel waren, so viel Jahre sollt ihr kein Gold mehr graben!”.
Von der Stunde an war der Reichtum versiegt. Warum gräbt man aber nicht von der Seite her in den Berg, da doch nur der Gipfel verwunschen ist? Wehe, wenn dies einer unternähme! Dann bräche der Lindwurm aus, der tief drinnen den Goldschatz hütet, dann stürzten die Wasser hernieder aus dem Königskogel und das ganze Mürztal wäre ein See. Vorjahren soll ein alter Italiener im Wassertal Gold gefunden haben. Feinen Goldstaub siebte er aus dem Sand und zog ats reicher Mann in seine Heimat. Befragt um die Stelle, wo er das Gold gefunden, soll er gesagt Haben: „Wo man von drei pretuler Bauernhöfen die Haustür sehen kann!” Es hat aber bis Heute niemand den Ort finden können.